Beschreibung
Zumindest aber erfährt der Leser, dass Cosey einst in den vierziger Jahren ein erfolgreicher Hotelier war, der in einem Badeort an der Ostküste der Vereinigten Staaten das eleganteste Etablissement der Zeit für Farbige führte. In einer Zeit des ungehemmten Rassismus und der rechtlich sanktionierten Rassentrennung bot Bill Cosey schwarzen Amerikanern der Mittel- und Oberschicht eine reale Utopie: einen Raum, in dem auch sie das amerikanische Glücksversprechen ausleben konnten, ohne von der Realität rassistischer Unterdrückung und Ungleichheit belästigt zu werden. Rauschende Bälle und offener Luxus prägten diesen utopischen Ort, der heute jedoch nach dem Niedergang des mondänen Strandbades zugleich nostalgisch und unwirklich erscheint. Alles was blieb, sind verlassene Tanzsäle und verblasste Fassaden -- und Menschen, die den Absprung nicht geschafft haben und sich an die Vergangenheit klammern.
Wie in so vielen ihrer Romane verweist Toni Morrison auch in Liebe auf die unauflösbare Verstrickung von individuellem Schicksal und kollektiver Geschichte; das Dilemma des amerikanischen Rassismus ist auch die Geschichte unmöglicher Liebe und destruktiver Leidenschaften und des unaufhaltsamen Verlusts menschlicher Zuneigung und Zusammenhalts. Liebe ist sicherlich kein optimistisches Buch -- in dieser Hinsicht setzt der Roman fort, was in Paradies schon angelegt war --, und dennoch schafft es Morrison immer wieder Momente überraschender Schönheit in ihre Erzählung einzubetten, die über manche Schwäche des Plots hinweg trösten. --Peter Schneck --