Die Welt da drinnen - Eine deutsche Nervenklinik und der Wahn vom "unwerten Leben"

Die Welt da drinnen - Eine deutsche Nervenklinik und der Wahn vom "unwerten Leben"

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Jan 8, 2013 · Niemiecki · Kindle (210 strony)
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Szczegóły książki

Format Kindle
Strony 210
Język Niemiecki
Opublikowany Jan 8, 2013
Wydawca EDITION digital

Opis

Diesem Buch liegen die Akten von 179 Patienten der Schweriner Nervenklinik zugrunde, die 1941 als »lebensunwert« ermordet wurden. Ihre Akten blieben auch nach dem Ende der Nazizeit unter Verschluss - im Ministerium für Staatssicherheit der DDR -, bis sie nach der Wende 1990 ins Berliner Bundesarchiv gelangten, wo Helga Schubert sie ausgewertet hat. Ihr Buch - keine historische Studie im engeren Sinn, sondern ein bewegendes und einzigartiges Stück Literatur - folgt minuziös den Schicksalen einzelner Opfer vor und nach ihrer Einlieferung in die Klinik, aber auch den Werdegängen der Ärzte - die sich dem Tötungsauftrag verschrieben oder sich ihm widersetzten. Zugleich sucht dieses Buch auch nach der Anbindung an eine Gegenwart, in der Debatten um Sterbehilfe, Hirntod und pränatale Gendiagnostik immer breiteren Raum einnehmen. Sein Ziel: Die offene Gesellschaft mit allen Mitteln - auch dem der belasteten Erinnerung - offen zu halten und das »Verrückte« in und um uns als Teil unseres Lebens zu akzeptieren.

»Wie viel einzelne Schicksale getöteter Geisteskranker könntet ihr in einem Buch aushalten, habe ich ein paar Leute gefragt.
Fünf, hat Katja geantwortet.
Höchstens zehn, antwortete Hannes.
Zwölf, sagte die Literaturredakteurin einer Zweiwochenzeitschrift, und dann möglichst in einem Rhythmus angeordnet mit den Geschichten der Täter.
Ob ich so etwas lesen, mir so etwas antun werde, weiß ich noch nicht, war die Antwort einer Lehrerin.«
LESEPROBE:
Am 7. August 1946, eine Woche vor dem Sachsenberg-Prozess gegen einen Teil des medizinischen Personals der Schweriner Heil- und Pflegeanstalt, erstattete eine Mutter Anzeige gegen deren Direktor und auch gegen den Oberstadtdirektor von Boizenburg. Der Wohnort des Oberstadtdirektors war ihr unbekannt, aber er war in die englische Zone geflohen, das wusste sie. Er hatte vier Jahre zuvor ihren damals 13-jährigen Sohn dem Jugendamt Hagenow gemeldet (mit der Begründung, der Junge hätte mit anderen Kindern unsittliche Handlungen betrieben, sähe unmenschlich aus und müsste verschwinden). Das Jugendamt brachte den Jungen daraufhin am 1. Juni 1942 in die Schweriner Nervenheilanstalt, wo er, wie man der Mutter sagte, mit Hormonen behandelt werden sollte und für den Schulbesuch vorgesehen war.
Die Mutter versuchte, ihren Sohn über das Rathaus in Boizenburg, über das Jugendamt in Hagenow und das Amtsgericht in Züren nach Hause zurückzubekommen, aber es gelang ihr nicht. Ein Vierteljahr nach seiner Einlieferung, am 3. September 1942, erhielt die Mutter folgenden Brief aus der Klinik:

Sehr geehrte Frau ...!
Leider war es mir nicht möglich, Sie rechtzeitig von der Erkrankung Ihres Kindes zu benachrichtigen, der Junge hatte einige Tage kaum nennenswerte Beschwerden, die auf einen leichten Katarrh der Gallenwege zurückgeführt werden mussten. Am Abend vor seinem Ableben trat eine plötzliche Verschlimmerung mit hohem Fieber auf, und es erfolgte kurz darauf ein Durchbruch der Gallenblase, der den schnellen Tod des Kindes veranlasste.
Heil Hitler! Dr. L., Medizinalrat

Dr. Alfred L. also hatte diesen Brief verfasst.
Schon am 4. September war die Beerdigung des 13-Jährigen. Die Eltern und seine beiden Schwestern konnten ihn noch einmal sehen und bemerkten dabei vier Einstiche am Kopf, die nicht von den Hormongaben herrühren konnten - das bestätigten außerhalb der Anstalt alle Ärzte, die sie fragten: Hormone werden in Tablettenform verabreicht. Die Mutter vermutete in der Anzeige, dass ihr Sohn mit Wasserstoffspritzen in den Kopf umgebracht worden war.
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